Mensch und Natur im technischen Zeitalter

15. März 2011

Tokio

Aus dem Eröffnungsvortrag von Kardinal Joseph Höffner auf der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda, September 1980:

„Bei der Beurteilung des Baus von Kernkraftwerken ist folgendes zu beachten:

Erstens: Es ist die Aufgabe nicht der Theologie, sondern der Fachwissenschaft, festzustellen, ob der Bau von Brütern und Aufbereitungsanlagen, ob der Transport und die Ablagerung des Atommülls nach dem heutigen Stand der Wissenschaft und Technik auf eine Art und Weise möglich sind, daß mit Sicherheit Explosionen, Strahlenschäden und sonstige Katastrophen ausgeschlossen sind. Damit soll nicht bestritten werden, daß jeder technische Prozeß – auch außerhalb der Kernenergie – Gefahren in sich birgt. Jeder Umgang mit der stofflichen Welt, auch das Handwerk, ist mit gewissen Risiken verbunden. Wollte man alle Risiken ausschließen, müßte man die Autos, Treppen, Leitern, Sägen und Messer verbieten. Die von einer entfesselten Atomenergie ausgehenden Gefahren sind jedoch wegen ihrer Schrecklichkeit und wegen ihrer viele Generationen schädigenden Auswirkungen von qualitativ besonderer Art.

Zweitens: Es genügt nicht, daß die Fachwissenschaft erklärt, es sei wahrscheinlich, daß durch Sicherheitskontrolle und Überwachungstechnik Schäden verhindert werden könnten. Robert Spaemann bemerkt mit Recht zum Hinweis „auf die Unwahrscheinlichkeit möglicher Katastrophen“: „Eben dieses Argument aber zählt nicht“ Erforderlich ist die Sicherheit. Ob diese Sicherheit erreicht werden kann, vermag ich als Bischof nicht zu sagen. Hier sind die Fachleute zuständig und verantwortlich. Falls katastrophensichere Kernkraftwerke gebaut und betrieben werden können, wäre eine „Dämonisierung“ der Kernenergie unsachlich.

Drittens: Der Schutz der Menschheit vor den zerstörerischen Auswirkungen der Kernenergie ist eine Aufgabe aller Staaten. Es müssen deshalb in allen Ländern die eben genannten Grundsätze anerkannt und verwirklicht werden. Sonst kommt es zu Rivalitäten und Unterbietungen. Es wird z. B. berichtet, daß der sozialistische Ostblock bis zum Jahr 1990 Kernkraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 150 Millionen KW errichten will, was 150 Kernkraftwerken des jetzt in der Sowjetunion üblichen Typs entspricht (KNA 221/79).

Viertens: Wissenschaft und Technik stehen vor der Aufgabe, Ausschau nach neuen, möglichst umweltfreundlichen Energien zu halten. Das gilt auch für den Fall, daß gefährliche Auswirkungen der Kernenergie nach dem jetzigen Stand der Forschung mit Sicherheit verhütet werden können. Die Atomenergie ist nämlich die risikoreichste Technik. Hier wirken sich Mißbrauch und menschliches Versagen besonders verheerend aus.

Fünftens: Der Einwand, der Verzicht auf Kernkraftwerke führe für die Industriestaaten und für die Länder der Dritten Welt zu schweren politischen, sozialen und gesamtwirtschaftlichen Notständen, ist zwar ernst zu nehmen, aber, falls kein sicherer Betrieb der Kernkraftwerke garantiert werden kann, nicht letztlich entscheidend. Genetische und sonstige Schädigungen der jetzt lebenden Menschen und späterer Generationen dürfen nicht aus noch so dringlichen Nützlichkeitserwägungen in Kauf genommen werden. Es ist Aufgabe der Wirtschaftspolitik, Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrisen mit Maßnahmen zu überwinden, die nicht zu jenen katastrophalen, nicht mehr wiedergutzumachenden Schädigungen der Biosphäre und des Menschengeschlechtes führen.“

Quelle: Kardinal Joseph Höffner: Mensch und Natur im technischen Zeitalter. In: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Zukunft der Schöpfung – Zukunft der Menschheit. Erklärungen der Deutschen Bischofskonferenz zu Fragen der Umwelt und der Energieversorgung. Bonn, 1980, S. 42-45.
www.dbk.de/fileadmin/redaktion/veroeffentlichungen/deutsche-bischoefe/db28.pdf

Auf Drogen

20. September 2010

Die Kritiken versprachen einen filmisch interessanten, aber durchwegs anstrengenden Film. Der Trailer, den ich schon alleine der Musik wegen sehr mochte, versprach einen optisch sehr ansprechenden, aber durchwegs anstrengenden Film. Und tatsächlich: Als ich vergangene Woche im Moviemento saß, zweieinhalb Stunden lang auf eher unbequemen Stühlen, da sah ich einen optisch teils sehr schönen, filmisch hoch interessanten, aber einen unheimlich anstrengenden Film. Ich meine sogar, es war der anstrengendste Film, den ich je gesehen hatte – und das in jeder körperlichen Hinsicht: die Bilder der verwackelten, teils unscharfen, teils drogengetrübten Bilder der subjektiven Kamera im ersten Teil des Filmes verursachten Schwindelgefühle, die Dumpfen Bässe der Musik drangen bis in die Eingeweide und der zwar nicht zum Film aber durchaus zum Kino gehörige Grillgeruch vom Türken einen Stock tiefer verursachten mir eine wahre Übelkeit. Die Brutalität der expliziten Bilder auf der Leinwand verstärkten dieses Gefühl und 160 Minuten lang stand die Frage im Raum, warum man sich das eigentlich antut. In der Hoffnung, darauf eine Antwort zu finden, blieb ich 160 Minuten lang sitzen.

Nur: so wirklich fand ich die Antwort nicht. Einen Sinn, eine Moral, eine Aussage konnte ich nicht erkennen. Und als dann kurz vor Schluss, nachdem ein rätselhaftes Licht aus der Scham kopulierender Pärchen strömte, ein Ejakulat in vaginaler Sichtweise mich quasi im Gesicht traf konnte ich – und mit mir fast der ganze Kinosaal – eigentlich nur noch lachen, weil mir nicht eingehen wollte, dass der Regisseur den Kreislauf vom Tod zur Reinkarnation tatsächlich auf diese Weise schließen wollte. Etwas gerädert, verließ ich den Kinosaal, ganz froh, diesen Ort endlich verlassen zu können, und doch irgendwie fasziniert von dem eben gesehenen, von dem Rausch, der mich – drogengleich – erfasst hatte.

Enter the Void (Soudain le vide), F 2009, 162 Min., Regie und Buch: Gaspar Noé, Kamera: Benoît Debie, Schnitt: Gaspar Noé, Marc Boucrot, Jerome Pesnel, Musik: Thomas Bangalter. Mit: Paz de la Huerta, Nathaniel Brown, Cyril Roy, Emily Alyn Lind, Jesse Kuhn

Die Stunde Null

02. Juni 2010

Risse

Durch die Medien geistert – und kaum eine Meldung verdient diesen Ausdruck mehr – die Nachricht von der zurecht international lautstark kritisierten Militäraktion Israels gegen die Hilfsflotte für Gaza; und bringt damit – wieder einmal – einen Konflikt in die obersten Schlagzeilen, der seit Ende des Zweiten Weltkriegs den Nahen Osten bestimmt. So festgefahren scheint die Situation, dass an eine baldige Befriedung der Region nicht zu denken ist. Dabei wäre es so einfach, wenn beide Seiten Ihre Engstirnigkeit zugunsten eines Weitblicks beenden würden, und ihre rassistische und provozierende Apartheitspolitik beenden würden.

Man kann lamentieren, alles hätte so einfach sein können und die Menschen der Region könnten seit Jahren in Frieden leben, wäre der UN-Teilungsplan von 1947 von beiden Seiten anerkannt und auch international verfolgt worden. Doch die Geschichte und all die Geschehnisse seither sind nicht mehr rückgängig zu machen. Es ergibt somit keinen Sinn, gegenseitige Schuldzuweisungen zu betreiben und diese als Hindernis für einen Friedensprozess zu betrachten. So schwer es politisch durchsetzbar sein wird, so notwendig wird es dazu aber sein, dass Israel die Grenzen von vor 1967 anerkennt, die jüdischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet räumt und den Palästinensern eine autonome Staatsgründung gestattet. Und dabei wohl eine Teilung Jerusalems akzeptieren muss.

Wir, die wir die Teilung Deutschlands, und die Mauer, die quer durch Berlin ging, noch so plastisch vor Augen haben, kann eine solche Lösung aber dennoch nur Schmerzen im Herzen verursachen. Die wahre Vision wäre wohl eine wirkliche Stunde Null. Ein Strich unter all das Leid und all die Agressionen der vergangenen 65 Jahre und eine Gründung eines gemeinsamen föderalen Staates, in dem alle Menschen ungeachtet ihrer religiösen Wurzeln und Überzeugungen gemeinsam leben können und gemeinsam das Schicksal des Staates gestalten können: Ein Staat, der seine Existenzberechtigung nicht im Glauben seiner Bürger verankert, ein Staat, der Menschen anderen Glaubens nicht als rechtlose Bürger zweiter Klasse behandelt, ein Staat, der eine Vorreiterrolle spielen könnte, indem er zeigt, dass Araber und Juden und alle Menschen, die in diesem Staat leben wollen, ohne gegenseitige Ressentiments miteinander in Frieden koexistieren können.

Doch ich sehe schon, ich träume. Doch sind es nicht Träume, die das letzte Menschenrecht sind?

Átame y piensa en mi!

07. Mai 2010

Barcelona

Dank eines wunderbaren Geburtstagsgeschenkes meiner Schwester tauche ich gerade tiefer in den Kosmos Almodóvar ab, als je zuvor, bin gefesselt von den Bildern, den Geschichten, den Charakteren, der Musik …

 
Denk an mich!

Wenn du zutiefst traurig bist
Denk an mich
Wenn du weinen möchtest
Denk an mich
Du weißt, ich verehre
Dein göttliches Bild
Deinen kindlichen Mund
der mich ganz klein
lehrte zu sündigen.

Denk an mich
Wenn du leidest
Wenn du weinst
Auch dann, denk an mich
Wenn du mir das Leben nehmen willst
Ich will es nicht mehr
Es gibt mir nichts, ohne dich.

 

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Luz Casal: Piensa en mi

Der eidgenössische Irrtum

02. Dezember 2009

Blaue Moschee

Mit etwas Überraschung und deutlicher Bestürzung nehme ich das Votum der Schweizer zum Minarett-Verbot zur Kenntnis. Es ist ein Zeugnis der Dummheit, ein Zeugnis der Engstirnigkeit und ein Zeugnis der Erkenntnis, dass die Errungenschaften der Aufklärung in einer Rückentwicklung ins Mystische begriffen sind.

Wir müssen uns nichts vormachen: hier geht es nicht um eine bauliche Vorschrift. Das ist die Speerspitze eine Kulturkampfes des christlich geprägten Europas gehen den „Islam“. Aber was soll das denn sein, „der Islam“? Wir müssten nicht erst unsere Schulliteratur zitieren, Lessing, Nathan und dessen Ringparabel, doch nirgendwo sonst liegt so präsent die eigentliche Antwort:

„Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder
Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst
Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich; – [...]
Fast so unerweislich, als
Uns itzt – der rechte Glaube.“

Der zuhilfe gerufene Richter urteilt weise:

„Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hülf’! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen.“

Es ist doch auch der Islam der Weltregionen eine, die neben vielen eines eint: der Glaube an Gott. Und genauso, wie die Kirchtürme weit sichtbar auf ein Gotteshaus verweisen, so tun es es die Minarette. Was soll also das Problem daran sein, seinen Glauben auf seine eigene Art und Weise zu zeigen. Wie sagte schon der große Fritz?: alle Religionen Seindt gleich und guth wan nuhr die leüte so sie profesiren Erliche leüte seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land Pöbliren, so wollen wir sie Mosqueen und Kirchen bauen.“ Denn: „Die Religionen Müßen alle Tolleriret werden und Mus der Fiscal nuhr das auge darauf haben das keine der anderen abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Faßon Selich werden.“ Man sollte meinen, die jüngeren Aussagen wären die toleranteren.

Worum es hier geht, ist aber in Wirklichkeit gar nicht die Religion der anderen. Es geht nicht um die Minarette. Es geht um ein diffuses Unbehagen, es geht um eine weit von jedem Aufklärerischen entfernte Dummheit, und es geht letztlich – nennen wir es doch beim Namen: um Rassismus. Dabei sind die Gründe schwer zu verstehen: Es geht uns gut, wie lange nicht, wir sind reich, wie lange nicht, und haben eigentlich keinen Grund irgend jemanden zum Sündenbock für irgend etwas zu machen. Wofür denn auch? Es herrscht, genährt von den Terroranschlägen des 11. September, eine gewisse Angst vor islamistischer Gewalt. Und diese Angst nimmt alle in Sippenhaftung, die islamischen Glaubens sind. Doch das ist der Fehler! Islamisten sind Gewalttäter, die sich zur Rechtfertigung ihrer Taten auf den Koran berufen. Das wäre genauso, wie wenn man sich zur Verteidigung eines Rachemords auf das Alte Testament berufen würden. Doch so wie letzteres nicht christlich ist, ist ersteres nicht islamisch.

In der Diskussion wird zur Rechtfertigung des „Ja“ zum Minarett-Verbot vieles präsentiert, was mit dem Minarettbau an sich nichts zu tun hat: Unterdrückung der Frau, Genitalverstümmelung, Rachemorde und so weiter. Doch dürfen wir eines nicht vergessen: gegen all das haben wir ein wirksames, rechtsstaatliches Mittel: unser Grundgesetz. Das reicht voll und ganz aus, um Unrecht – unabhängig davon, welcher Religion sein Täter angehört – zu ahnden. Ein Einschnitt der Religionsfreiheit ist dazu kein probates Mittel.

Wir Europäer rühmen uns so gerne mit einem zentralen Gut unserer Gesellschaft: der Freiheit. Doch sollten wir nicht vergessen, dass die Freiheit unserer Gesellschaft bei der Freiheit des Einzelnen beginnt. Diese müssen wir garantieren, dafür müssen wir kämpfen, und dafür müssen wir vor allem eines: mit gutem Vorbild voran gehen. Unbestritten gibt es eine Menge – auch islamisch geprägter – Staaten, in denen die Freiheit der Bevölkerung stark eingeschränkt ist, wo sich der Staat auf die Religion beruft, um seine Repressionen zu rechtfertigen. Aber gerade jenen müssen wir, die wir in laizistischen Staaten (wie es übrigens auch die Türkei einer ist) leben, zeigen dass es eine Alternative gibt, dass nur eine offene Gesellschaft ein friedliches Zusammenleben garantiert. Das Rezept kann nur heißen, offen auf unsere islamischen, jüdischen, christlichen (oder welcher Identität auch immer sie sich zugehörig fühlen) Brüder und Schwestern zuzugehen, den Dialog zu führen, und nicht selbst Intoleranz zu leben. Das Schweizer Votum hat uns dabei einen Bärendienst erwiesen.