07. Oktober 2006

Mit dem heutigen Tag beginne ich eine lose Reihe von Blogs über Orte, die für immer von dieser Welt verschwunden sind, die im Verschwinden begriffen sind, und für die es lohnt, eine Träne zu verlieren. Ein solcher Ort ist der Lange Jammer. Einst die längste Fußgängerbrücke Europas, verband diese Stahlkonstruktion, die 1937 fertiggestellt wurde, den heutigen S-Bahnhof Storkower Straße in Berlin Lichtenberg mit der Eldenaer Straße in Friedrichshain. 434 Meter lang, vier Meter breit und sechs Meter hoch spannte sich die Brücke zu ihrer Eröffnung auf 22 Stützen über das Schlachthofgelände. Der Fußweg war überdacht und seitlich mit undurchsichtigen Glasscheiben verkleidet, um die Aussicht auf die täglichen Szenen im Schlachtbetrieb zu verhindern.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die im Volksmund „Langer Jammer“, „Langes Elend“ oder auch „Rue de Galopp“ genannte Brücke stark zerstört, bis 1951 aber wieder rekonstruiert. Zu DDR-Zeiten wurde sie in den 70er-Jahren umfangreich saniert und bis zum Wohngebiet Fennpfuhl verlängert. Von nun an maß sie 522 Meter.
Mitte der 90er-Jahre wurde anlässlich des beginnenden Wiederaufbaus der Ring-Bahn das 85 Meter lange Teilstück vom S-Bahnhof bis über die Storkower Straße saniert. Da der Investor des geplanten Wohn- und Gewerbegebiets Alter Schlachthof darauf drängte wurde ein 300 Meter langes Teilstück der denkmalgeschützten Brücke 2002 abgerissen.
Die Senatsverwaltung kommentiert in Ihrer Drucksache Nr. 15/581 (II.A.17.) – Auflagenbeschlüsse 2002 /2003 lapidar: „Die Abrissmaßnahmen ergaben sich aus der Notwendigkeit der zeitgerechten, und vertraglich vereinbarten Schaffung von Baufreiheit für das Investitionsvorhaben „Fachmarktzentrum“ an der Herrmann-Blankenstein-Straße.“
Aus Gründen des Denkmalschutzes ließ man ein etwa 75 Meter langes Teilstück an der Eldenaer Straße bestehen. Doch selbst dieses wurde im Frühjahr 2006 beseitigt. Nun erinnern nur mehr das zu Tode sanierte Teilstück, das das „Fachmarktzentrum“ mit dem S-Bahnhof und der Storkower Straße verbindet, sowie der Name der an seiner Stelle verlaufenden Straße, „Zum Langen Jammer“, an das einstige Bauwerk. Einmal mehr eine Schande, wie die Verwaltung dieser Stadt mit ihren Baudenkmälern umgeht.
Informationen zum Areal des Zentralvieh- und Schlachthofs mit einem Abriss zur Geschichte der Fußgängerbrücke ist auf Wikipedia zu finden. Weiter Bilder finden sich unter anderen in meinem Photoset zum Langen Jammer auf flickr.
Tags: Architektur, Berlin, S-Bahn, Stadtplanung, Vom Verschwinden
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06. Oktober 2006

Pünktlich zum Sinken der Temperaturen hat sich hierzulande wieder eine Grippe- und Erkältungswelle breitgemacht. Hausmittelchen gegen Halsschmerzen, Schnupfen, Husten und Fieber gibt es ja eine Vielzahl. Bekannt ist in mitteleuropäischen Breiten zwischenzeitlich auch die heilende Wirkung der Ingwerwurzel. Die Rhizoma zingiberis „enthält einen zähflüssigen Balsam (Oleoresin), der aus ätherischen Ölen und einem Scharfstoffanteil, den Gingerolen und Shoagolen besteht.“ (Wikipedia) Die chinesische Medizin verordnet Ingwer daher in Form von Tees und Bädern bei Rheuma, Muskelschmerzen und Erkältungen.
So weit so gut. Hong Kong gehört bekanntlich seit 1997 zur chinesischen Volksrepublik, wobei wohl nicht erst seit diesem Zeitpunkt die chinesische Kunst des Heilens auch in dieser Stadt bekannt ist. Wie ich von ortskundiger Informantin dieser Tage erfahren habe, steht dort auf den Getränkekarten fast jeder Verkaufseinrichtung ein etwas zweifelhaft klingendes Getränk: Hot coke with ginger. Warum? Hong Kong ist wohl eine der Städte mit extrem hoher Klimaanlagendichte. So angenehm kühl bis frostig die klimatisierten Räume auch sind, sie fördern die Erkältungsgefahr. Um dem entgegenzuwirken wird Cola mit Ingwer getrunken, was das Zeug hält. Dabei soll – die medizinische Richtigkeit kann ich nicht bestätigen – die Cola dafür verantwortlich sein, Keime und Krankheitserreger im Rachen zu lösen, der Ingwer mit seiner bekannt antiseptischen Wirkung tut dann das übrige.
Zubereitet ist dieses Getränk sehr einfach: Die Cola wird einmal aufgekocht, vom Feuer genommen und dann mit geriebenem Ingwer vermischt. Fertig. Ob die Wirkung tatsächlich hält, was sie verspricht, versuche ich – erkältet – eben im Selbstversuch zu erproben. Ob ich das mit dem Cocktail an Antierkältungsmaßnahmen tatsächlich beantworten werde können, bleibt allerdings fraglich. – Aber man soll ja nichts unversucht lassen. „Hilft’s nicht“, so der Volksmund, der niemals irrt, „so schadt’s nicht“
Tags: Erkältung, Hong Kong, Ingwer
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01. Oktober 2006

Dinge die den Neoblogger und flickr-User begeistern: Eben habe ich herausgefunden, dass meine Lieblings-Web 2.0-Anwendung flickr noch ein ganz tolles Tool bereithält, das mir das Bloggen in Zukunft noch einfacher machen soll, kann ich doch nach Eingabe meiner Daten ab sofort direkt von jeder Foto-Ansicht aus einen Blog schreiben und hierher schicken. Kein umständliches URL-Kopieren mehr, sondern nur mehr Blog this klicken, und los geht’s. Die Wunderwelt der Technik …
Was mir sonst noch auf den Nägeln brennt: Gestern abend Premiere im Berliner Ensemble – Claus Peymann und Hermann Beil spielen Thomas Bernhard; und vor allem sich selbst. Die Inszenierung altbekannt noch auch dem Wiener Akademietheater, die Besetzung allerdings neu und so richtig genial – eigentlich die logische und Idealbesetzung, verleiht es den drei Dramoletten doch eine besondere Komik und doppelte Ironie, wenn Peymann selbst Peymann sagen lässt, das Publikum könne ihn im Grunde doch im Arsch lecken. Peymann macht Bernhard ist für mich wohl seit über 20 Jahren die beste und einzige Möglichkeit, Bernhard auf die Bühne zu bringen. Deshalb – und auch meiner Begleitung wegen – ein wunderbarer Theaterabend. Bitte mehr davon!
War noch was mit der Weltkomödie Österreich? Ach ja! Die Ösis wählen mal wieder ihre Schlächter selber. Heute also mit dem für das kleine Land überdimensionierten Stimmzettel ab nach Tiergarten in die Botschaft der Republik und dem Erbrechen nahe doch auch ein Kreuzchen draufgemalt – noch nie zuvor mit solchem schlechten Gewissen und so ganz gegen jede politische Überzeugung. Eigentlich wäre es doch richtiger, das einzig Wahre zu tun und nicht zu wählen. Aber was nützts? Der Ersatzkaiser wird sich ja doch wieder als der Wahlgewinner präsentieren und weiter seine Operettenpolitik machen. Bleibt nur zu hoffen, diesmal ohne flötenspielender Volksschullehrerin im Gepäck. Und vielleicht dann doch einmal mit einer Partei, die nicht ständig die Grenzen der Menschenwürde auslotet und überschreitet. Aber warum eigentlich? Haben nicht die Wähler genau die Regierung verdient, die sie wählen? Hat nicht ein Operettenland eine Operettenregierung verdient, die nichts andere tut, als ihre Operettenpolitik umzusetzen? Tu felix Austria!
Tags: Österreich, Berlin, Berliner Ensemble, Claus Peymann, flickr, Politik, Thomas Bernhard
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29. September 2006

Was mir dieser Tage besonders aufgefallen ist? Das Web entdeckt gerade die Weltkarte für sich. Was früher nur mit Microsofts Encarta offline möglich war, ist spätestens seit Google Earth in der Netzwelt angekommen: Die Möglichkeit, die Welt interaktiv zu betrachten. Was Google damit verfolgt ist freilich kein geografisches Interesse, als vielmehr die Suche nach einer neuen Form, Suchergebnisse zugänglich zu machen.
Als ich mich vor drei Tagen wieder einmal in meinen flickr-Account eingeloggt hatte, um neue Bilder hochzuladen, sah ich zum ersten Mal, dass dort nun ein neuer Service angeboten wird: Geotagging ist das neue Schlagwort. So einfach die Idee, so genial gleichzeitig, kann man die hochgeladenen Fotos doch direkt einem genauen Ort auf der Landkarte – wahlweise als Karte, Satellitenbild oder Hybrid angezeigt – zuordnen. Für den Benutzer heißt dies gleichzeitig, dass er sich einen beliebigen Ort auf der Weltkarte aussuchen kann und mit einem Blick sieht, ob und wieviele Fotos an diesem Punkt der Erde aufgenommen (und dann freilich auf flickr veröffentlicht) wurden. Wie das aussieht, kann man auf flickr.com/map sehen. Was das für Google heißen kann, ist leicht vorzustellen.
Beinahe ebenso genial fand ich einen anderen Zufallsfund – eine kleine Spielerei: Douwe Osinga hat auf seiner Website ein kleines Tool veröffentlicht, das nach Auswählen der entsprechenden Länder eine Weltkarte erstellt, auf der jene Länder, die man bereist bereist hat, rot dargestellt werden. Mit dem generierten Link kann die Karte auf jeder Website eingebettet werden.
Und noch ein Fund: Die ARD Tagesschau versammelt auf Ihrer Website alle ihre Meldungen auf einer interaktiven Weltkarte, in die auch nach Kontinenten und Ländern gezoomt werden kann. Der Nachrichten-Weltatlas bietet zudem noch Grundinformationen zu allen Ländern der Welt. Man könnte also sagen: The web goes global …
Tags: flickr, Welt
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28. September 2006

320 Meter lang, 80 Meter breit und 40 Meter hoch – so steht das 1979 eröffnete und von den Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte geplante Internationale Congress Centrum wie ein UFO in der Berliner Stadtlandschaft. Besonders an einem Sonntag, wenn das Haus menschenleer ist, und man tiefer in das Gebäude eindringt, scheint es aus einer anderen Welt zu kommen. Und wie es sich für ein anständiges UFO gehört, kann es fliegen. Zumindest, wenn es nach der Architekturanalystin Ragna Körbi geht: „Es kann auf jeden Fall fliegen. Das Gebäude weiß es nur noch nicht. Vielleicht weiß es das Gebäude auch, nur die Stadt weiß es noch nicht.“
Dennoch scheinen nicht alle so glücklich mit dem Gebäude zu sein. Nicht kostendeckend klagt der Senat und würde es am liebsten schon heute abgerissen sehen. Das kennen wir ja aus Berlin – ein Palast, politisch nicht mehr opportun, weg damit! Es scheint als sei Archtitektur, ist sie nicht mindestens 100 Jahre alt, ohnedies nichts Wert, reiner Zweck auf Zeit. „Wenn der Palast weg muss, dann muss das ICC auch weg. Absurd natürlich. Abgesehen davon, dass ich auch finde, dass auch der Palast nicht sofort weg müsste – ich denke, insgesamt müsste man mit Gebäuden ein bisschen vorsichtiger umgehen. Solche Abrisse kosten unglaublich viel Geld – auch das ICC“, so Christine Edmaier vom Bund Deutscher Architekten. Ein Gedanke, der gar nicht laut genug geäußert werden kann: Insgesamt müsste man mit Gebäuden ein bisschen vorsichtiger umgehen!
Da bleibt nur zu hoffen, dass die Stadt endlich aufwacht und sich nicht mehr länger ein mittelmäßiges Bauwerk nach dem anderen in die Baulücken knallen lässt, um im Gegenzug ein bisschen von der Architektur der letzten 50 Jahre befreit zu werden – das gibt ja neue Baulücken …
Bilder vom Gebäude gibt es in der Group ICC auf flickr.
Tags: Architektur, Berlin, ICC
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